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Mein Tanz-Manifest

Ich will in einer Welt leben, in der es das normalste der Welt ist, seinen Körper mit all seinen Möglichkeiten zu kennen und zu lieben, seinen eigenen Ausdruck zu genießen und gemeinsam zu tanzen unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder Weltsicht. 

Unsere westliche Kultur ist geprägt von einer Geschichte der Abwertung der Körperlichkeit und Aufwertung des Intellekts. Von einer Geschichte der Spaltung von Körper und Geist (Leib-Seele-Problem). Tatsache ist jedoch, dass wir durch unseren Körper leben und alles durch ihn erleben. Tatsache ist auch, dass wir uns nicht nicht ausdrücken können. Viel zu oft haben wir in unserer Kultur jedoch gelernt, unseren Ausdruck zu drosseln.

Mein Manifest ist ein Aufruf zur Achtung und zum Ausdruck unserer Körperlichkeit, für uns allein und mit anderen zusammen!

Meine Haltung zum Tanzen

  1. „Ich bin Tänzer:in“ ist eine Entscheidung, eine innere Haltung. Wir brauchen keine professionelle Tanzausbildung, jahrelanges Training oder eine bestimmte Ästhetik, um uns als Tänzer:in zu fühlen. Jeder, der tanzt, egal was und wie, darf sich als Tänzer:in fühlen.
  2. Jedem wohnt sein ganz eigener körperlicher Ausdruck, sein eigener Flow inne. Dieser kommt immer mehr zum Vorschein, je mehr wir uns kennen, in unserem jetzigen Ausdruckspotential respektieren und uns genießen lernen. Damit ist der eigene, unverwechselbare Tanzstil nichts, was irgendwann plötzlich zu uns geflogen kommt. Er ist von Beginn an da, schält sich jedoch immer mehr heraus, wie ein Diamant, der geschliffen wird, je mehr wir uns mit uns beschäftigen.
  3. Das Bedürfnis nach körperlichem Ausdruck zu Musik (aka Tanzen) ist bei den meisten Menschen vorhanden, vor allem in der westlichen Kultur jedoch unterdrückt. Zum Vorschein kommt dieses Bedürfnis in der westlichen Kultur vor allem unter Drogeneinfluss (z.B. nach Alkoholkonsum). Im nüchternen Zustand gibt es in der westlichen Kultur häufig eine Hemmschwelle. Mutmaßlich haben kulturelle Entwicklungen zu dieser Hemmung geführt. Körperlichkeit wurde abgewertet, wohingegen der Intellekt aufgewertet wurde.
  4. „Ich kann nicht tanzen“ ist eine globale Aussage, die niemals wahr sein kann. Wahr könnte zum jetzigen Zeitpunkt sein, „Ich kann mich für mein Empfinden noch nicht ästhetisch bewegen“ oder „Ich höre den Takt nicht, weshalb ich meine Bewegungen nicht zur Musik abstimmen kann“. Diese differenzierte Betrachtung öffnet Räume für die Frage nach dem eigenen Willen und einer diesem entsprechenden Entwicklung. Die einzige Ausnahme ist, wenn Menschen aufgrund von Krankheiten körperlich nicht mehr in der Lage sind, sich zu bewegen.
  5. Es ist ein zutiefst berührendes Geschenk, Zeugin des Ausdrucks eines anderen Wesens zu sein. Jeder, der sich traut, sich ganz leibhaftig zu zeigen, macht sich anderen zum Geschenk. Es erinnert uns daran, dass wir uns ganz leben dürfen, nicht nur als Geist-Wesen, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut.
  6. Wir tanzen für uns selbst und sind damit Inside-Out-Tänzer:innen statt Outside-In-Tänzer:innen. Wie unser Tanz bei anderen ankommt, ist nichts, womit wir uns aufhalten. Tanzen muss nicht in erster Linie ästhetisch sein. Am wichtigsten ist, wie wir uns dabei fühlen. Auch ist Ästhetik Ansichtssache. Ja, es gibt vermutlich ein paar universelle Prinzipien, die uns in den Augen anderer harmonischer aussehen lassen. Diese Prinzipien lernen wir in unserem Tempo kennen und entscheiden dann, was wir zum jeweiligen Zeitpunkt integrieren wollen.
  7. Tanzen lässt uns uns auf ganz besondere Weise mit anderen verbunden fühlen. Fast nie teilt man mit anderen einen so nahen gemeinsamen körperlichen Raum. Wir dürfen Nähe genießen und ein Gefühl von Einheit, ohne, dass damit automatisch Sexualität verknüpft ist.
  8. Tanzen ist unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder Weltsicht. In verschiedenen Tanzszenen wird dies unterschiedlich stark gelebt. Zur gelebten Realität dieser Tatsache trägt jeder in seinem Handeln bei. Es liegt in unserer Verantwortung.
  9. Die Form des Zusammenspiels im Paartanz ist bunt. Nur als Lead oder Follow tanzen? Als Lead und als Follow tanzen? Das Leading im Tanz switchen aka Switch-Leading oder frei von Rollen tanzen à la Co-Guiding? Lass uns in alle Formen schnuppern und dann selbstbestimmt entscheiden, was uns zum aktuellen Zeitpunkt in unserem Leben gut tut. Jede Form hat ihre Daseinsberechtigung.
  10. Tanzen ist Tanzen. Die verschiedenen Tanzstile eint ein großes Ganzes. Differenzierung ist bereichernd, wir dürfen aber immer das Verbindende im Blick behalten. Ich plädiere daher für das Gedankenkonstrukt: Open Style (Couple) Dance.
  11. Unser Tanz ist ein Quell für die Entdeckung von Lebensthemen und damit für die persönliche Weiterentwicklung. Welche Bewegungen, welcher Stil zieht uns an, was ist eine Herausforderung für uns? Es gibt Zusammenhänge mit unserer Persönlichkeit, welche wiederum mit unserer Lebensgeschichte in Verbindung steht. Durch das Tanzen können wir Blockaden erkennen und mit ihnen tanzen, wenn wir wollen.
  12. Tanzen tut gut. Tanzen fördert sehr oft das Selbstbewusstsein, lindert depressive Symptome, führt zu einer positiveren Stimmung und mehr sozialen Interaktionen.
  13. Tanzen bringt uns mehr in Kontakt mit unserem Körper. Es fördert Embodiment. Das Körperbewusstsein und die Wertschätzung für unseren Körper mit all seinen Möglichkeiten wächst.
  14. Jedes Tanz-Abenteuer hat sein eigenes Tempo. Geben wir uns die Zeit, die wir brauchen, um unseren Tanz zu entfalten. Wir werden spüren, welche Entwicklungen zum jeweiligen Zeitpunkt wichtig für uns sind – im Tanz wie im Leben. Manche Entwicklungen können ganz schnell gehen, andere brauchen mehr Zeit.
  15. Die Schattenseiten des Tanzens sind eine Chance für Wachstum. Ja, es gibt sie, die nicht so schönen Seiten, die Hürden. Sei es Frustration mit unserer tänzerischen Entwicklung oder Frustration durch Vergleiche, Ablehnung, fehlenden Mut oder eine:n fehlende:n feste:n Tanzpartner:in. Wenn wir nicht locker lassen, werden wir Lösungen finden. Etwas im Außen verändern oder in uns. Und dadurch gestärkt aus diesen Situationen hervorgehen. Es ist unsere Entscheidung, wie wir mit den Schattenseiten umgehen.
  16. Es gibt eine magische Anziehung zwischen uns und dem Tanz, der uns zum aktuellen Zeitpunkt entspricht. Erste Anzeichen können sein, dass ein Tanz bzw. Tänze etwas in uns auslösen bezüglich ihrer Musik, ihres Looks, ihres transportierten Gefühls oder ihres Konzepts. Manchmal kann es Liebe auf den ersten Blick sein, manchmal kann sich zuerst Abwehr zeigen. Sicherheit in unserem Gefühl wird sich zeigen, wenn wir die Tänze ausprobieren. Wir können uns nicht nur in einen Tanz hinein denken. Wir müssen ihn fühlen.
  17. Was wir im Hier und Jetzt an Bewegungspotential haben, ist mehr als genug. Wenn wir unsere jetzigen Bewegungsmöglichkeiten, die unser Körper uns schenkt, kennen lernen, haben wir alles, was wir brauchen, um unendlich viel Spaß zu haben. In der Akzeptanz und Wertschätzung dessen, was wir jetzt haben, liegt der Ursprung für die weitere Entfaltung unseres Potentials.
  18. Unser Tanz ist ein lebenslanges Abenteuer. Er entwickelt sich mit uns, wir entwickeln uns mit ihm.
  19. Wir stärken unseren Tanz im Paar, wenn wir auch für uns alleine tanzen und unseren Solo-Tanz genießen. Je mehr wir uns selbst kennen lernen und Freude an unserem Ausdruck entdecken, desto leichter fällt es uns, uns in der Begegnung zu öffnen und gemeinsam genussvoll zu kreieren.
  20. Es gibt keinen besten Tänzer und keine beste Tänzerin. Nur Tänzer und Tänzerinnen, die sich mehr oder weniger selbst kennen, ausdrücken und genießen. Lassen wir uns nicht entmutigen durch Vergleiche, sondern uns inspirieren, uns wertzuschätzen und zum Ausdruck zu bringen.
  21. Körperlicher Ausdruck ist ein Geschenk. Krankheit kann dafür sorgen, dass dieser im schlimmsten Fall nicht mehr möglich ist. Solange jedoch die Möglichkeit zu körperlichem Ausdruck gegeben ist, trägt er bei zu einer schöneren Welt, auch für alle, denen dieses Geschenk nicht mehr in dieser Weise gegeben ist.
Veröffentlicht am 13. November 2022

Aktualisiert am 13. November 2022


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